Lebensraum auf 18 Metern Rumpflänge. Fotos: Czapski
Lebensraum auf 18 Metern Rumpflänge. Fotos: Czapski
Klimawandel dokumentiert 

Cuxhavener Arzt wechselte aufs Meer: Als Schiffsarzt mit Arved Fuchs vor Grönland

von Maren Reese-Winne | 28.08.2026

Viereinhalb Wochen dauerte die Auszeit des Cuxhavener HNO-Arztes Dr. Dieter Czapski. Manche vermuteten schon einen vorzeitigen Ruhestand. Doch er war in einer ganz anderen Mission unterwegs, in der es um Eisberge statt Mandelentzündung ging. 

Mit dem berühmten Polarforscher Arved Fuchs durchkreuzte er die Gewässer um Grönland an Bord des 95-jährigen Holzschiffs "Dagmar Aaen", um dort die Auswirkungen des Klimawandels zu dokumentieren.

Schon ein Jahr, nachdem er 1995 nach Cuxhaven gekommen war, absolvierte der Arzt auf der Elbe seinen ersten Segelkurs. Es wurde eine neue Leidenschaft mit eigenem Boot und ambitionierten Segelregatten: Czapski durchquerte die Nordsee, segelte rund Skagen, nahm an der berühmten Edinburgh-Regatta teil und fährt seit 2017 regelmäßig als Schiffsarzt auf der "Alexander von Humboldt II". Aber dass er mal der Legende Arved Fuchs begegnen würde und dann auch noch als Crewmitglied, das hätte er sich nicht träumen lassen.

Lieblingsfoto: Ausguck an der grönländischen Küste, wo das Meer in hohe Berge übergeht.

Auch in Nord- und Ostsee nicht mehr zu verkennen

Umwelt- und Klimawandel treiben Dieter Czapski schon lange um: "Nord- und Ostsee geht es wirklich schlecht", sagt er. Darüber könnten auch hartnäckige Klimawandel-Leugner nicht mehr hinwegsehen. Gleichzeitig mit dem Wunsch, Grönland kennenzulernen, nahm er vor zwei Jahren Kontakt zu Arved Fuchs auf, der auf der Expedition "Ocean Change" seit 2015 Daten für die Wissenschaft sammelt.

Antwort: "Du bist dabei, aber wir müssen uns kennenlernen." In einer rund zehnköpfigen Crew, die unter Extrem-Bedingungen wochenlang zusammenlebt, muss es eben auch menschlich passen. Irgendwann saß er im Wohnzimmer des Abenteuers und dessen Frau Brigitte in Bad Bramstedt (Schleswig-Holstein), bekam prompt das "Du" angeboten und erlebte ein zutiefst bodenständiges Gegenüber. Alles passte. 

"Darum geht es", sagt Dieter Czapski: Die Crew sei vielen sterbenden Eisbergen begegnet.
In faszinierender Natur: Festmachen am Meereis.

Versprechen des Wiedersehens in Cuxhaven gehalten

eIm vergangenen Jahr segelte er auf der Etappe Scheveningen-Brest mit - die Generalprobe. Die Qualitäten des Cuxhaveners (unter anderem bei der Erkundung der Häfen und als Baguette-Beauftragter) waren sehr geschätzt. Kaum war er von Bord, wurde für den Rückweg ein Treffen in Cuxhaven vereinbart. An der Klappbrücke gab es bei frischen Brötchen und Fisch ein eintägiges Wiedersehen.

Auf Island begann dann für den HNO-Arzt - stets mit dem Rückhalt seiner Frau Elke Lindenlaub-Czapski - Ende Juni das diesjährige Abenteuer. In Reykjavik ging er an Bord der im Jahr 1931 als Fischerboot gebauten "Dagmar Aaen". Auf 18 Metern Rumpflänge bietet sie zehn Kojen (das einzige Fleckchen für Privatsphäre) und keinen Luxus. Dafür ist sie eisverstärkt und mit modernster Messtechnik vollgestopft.

Die "Dagmar Aaen" vor Anker.

Wie alle anderen - außer dem wachbefreiten Kapitän und dem Schiffskoch - war der Cuxhavener zum Dienst eingeteilt, samt Backschaft und Wachegehen im Schichtdienst (zwei Dreier- und eine Doppelschicht). Er wirkte als Wetterbeobachter und übernahm die Tiefenmessungen bis in 250 Meter Tiefe. Inmitten der bald auftauchenden ersten Eisberge ging es bei immerwährendem Tageslicht durch ein raues, fast unwirklich erscheinendes Seegebiet zunächst an die grönländische Ostküste. 

"Darum geht es", sagt Dieter Czapski: Die Crew sei vielen sterbenden Eisbergen begegnet.

"Bei Arved kann man sich sicher sein, dass er keine Risiken eingeht"

Auch an Sturmtagen, an denen die Wellen über das Boot rollten, vertraute er ganz auf die Erfahrung des Expeditionsleiters: "Bei Arved kann man sich sicher sein, dass er keine Risiken eingeht." Oft aber bewegte sich die "Dagmar Aaen" auch durch spiegelglattes Wasser; Wetterdaten wurden dabei ununterbrochen - oft automatisiert - erhoben. Das System "Eye on Water" dokumentierte die Wasserfarbe - je dunkler, desto weiter ist die Eis-Schmelze bereits fortgeschritten.

"Nirgends ist der Klimawandel so deutlich spürbar wie auf dem Meer", berichtet Czapski, das belegten die Messwerte allein der vergangenen zehn Jahre: "Der Kipppunkt ist nah." Darauf aufmerksam zu machen, ist auch ein Hintergrund seines Engagements in der in Cuxhaven neu gegründeten  Initiative "Health for Future". "Ohne eine intakte Umwelt werden wir nicht überleben können", warnt er. Das Hildegard von Bingen zugeschriebene Zitat "Alles ist mit allem verbunden" bewege ihn sehr.

Sommer in Tasiilaq im Osten des Inselstaats, fernab von allen üblichen Verkehrswegen.

Heilfroh war er, dass er nicht einmal als Schiffsarzt in Erscheinung treten musste, denn an schnelle Hilfe wäre in den entlegenen Gebieten nicht zu denken gewesen - auch nicht an Land in der Mini-Gemeinde Tasiilaq, deren wenige Bewohner noch auf die Jagd angewiesen sind, um zu überleben. 

Eisbär-Begegnung jederzeit möglich

Die Landgänge führten die Crew mit faszinierenden und freundlichen Menschen und einer fantastischen Natur mit hohen Zweitausendern zusammen, in denen Eisbär-Begegnungen jederzeit möglich sind. Bei Temperaturen um vier Grad tollten die Kinder (auch dort waren Sommerferien) im T-Shirt herum und stürmten das Schiff der Gäste.

Der Südtiroler Robert Peroni, 82 Jahre alt und als ehemaliger Extremsportler vor über 30 Jahren dort hängengeblieben, setzt sich in Tasiilaq im "Roten Haus" für Völkerverständigung und bessere Lebensverhältnisse ein und konnte viel über die grönländische Kultur erzählen - so auch, dass das verbindendste Element in dem rauen Inselstaat der Fußball sei.

Am Kap Farvel zwischen Nordatlantik und Labrador-See.
Aappalittoq, an der Südspitze gelegen.

Um die Südspitze herum ging es langsam der Hauptstadt Nuuk und damit auch der Zivilisation entgegen, wobei die einstige Cuxhavener Partnerstadt mit ihren knapp 20.000 Einwohnern dem HNO-Arzt wie eine Großstadt vorkam - mit Hafen, Universität, Geschäften und natürlich dem Flughafen, von dem aus er seinen Rückflug antreten sollte. Fast die Hälfte der Bevölkerung lebt heute hier - Tendenz steigend.

Die Szenerie erzeugte in dem Cuxhavener gemischte Gefühle: "Wachstum ist kein Reichtum", sagt er rückblickend. Was nun besser ist, Wildnis oder hochmoderne Infrastruktur, darüber will er sich nach dieser live erlebten Zeitreise kein Urteil erlauben.

Überwinterung in Kanada

Für die übrigen Expeditionsteilnehmer ging die Reise weiter. Inzwischen ist fast die gesamte Crew ausgewechselt und die "Dagmar Aaen" befindet sich auf dem Weg zum Überwinterungsquartier in Neufundland/Kanada. Für Arved Fuchs (73) beginnt die Zeit, in der er dafür sorgt, dass die Mission weitergehen kann: Bücher schreiben, Vorträge halten, Sponsoren suchen. Alles, was an Bord passiert, geschieht ehrenamtlich und die Daten werden Forschungsinstituten und dem Deutschen Wetterdienst unentgeltlich zur Verfügung gestellt.

So ein Ankerplatz findet sich nur in wenigen Gegenden der Welt.

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Maren Reese-Winne

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Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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